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Always on: Wenn Erreichbarkeit zur Belastung wird

Wer nicht sofort antwortet, gilt als unzuverlässig. Diese unausgesprochene Regel hat sich in wenigen Jahren tief in unseren Alltag eingegraben. Doch ständige Erreichbarkeit ist nicht nur anstrengend für unser Nervensystem. Sie macht uns auch anfälliger für Druck, schnelle Klicks und übereilte Entscheidungen. Die Frage ist: Ab wann kostet uns Erreichbarkeit mehr, als sie bringt?
Vor über 20 Jahren kam das erste Smartphone. Mit ihm eine neue Erwartung: E-Mails beantwortet man sofort, Anrufe nimmt man immer entgegen. Ob als Kundin, Angestellter oder selbstständig Tätige, von allen wird heute schnelle Reaktion erwartet. Was als Ausnahme begann, wurde zur Normalität. Arbeitszeiten verwischten sich.
Was Dauerverfügbarkeit wirklich kostet
Das Nervensystem reagiert auf jedes Vibrieren. Der Griff zum Handy passiert automatisch, an der Bushaltestelle, auf dem Weg zur Waschküche, während der Sitzung. Dabei wird schnell vergessen, wie sehr diese Dauerpräsenz anstrengt. Wer ständig erreichbar ist, reagiert häufig im Schnellmodus: Nachrichten werden rasch beantwortet oder aufgeschoben und vergessen, Bestellungen mit einem Klick bestätigt, Bedingungen überflogen. In diesem Zustand prüfen wir seltener, was wir wirklich brauchen und ob Angebote fair und transparent sind. Das betrifft sowohl Konsumentinnen und Konsumenten als auch Entscheidungen, die im eigenen Geschäft getroffen werden. So schwächt Dauererreichbarkeit nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unsere Position.
Für viele ist Erreichbarkeit längst kein bewusster Entscheid mehr, sondern eine Gewohnheit, die sich schleichend etabliert hat. Die Folgen sind bekannt: Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können.
Kleine Regeln mit grosser Wirkung
Es braucht keine radikale Auszeit, um wieder Frau oder Herr der eigenen Aufmerksamkeit zu werden.
Kleine, konsequent eingehaltene Regeln reichen oft aus:
- Handy die erste Stunde nach dem Aufstehen weglassen
- E-Mails nur zu festen Zeiten checken, nicht laufend
- Nachrichten gebündelt beantworten statt zwischendurch
- Klare Signale setzen, wann man erreichbar ist und wann nicht
Diese einfachen Massnahmen können den Alltag spürbar verändern: mehr Fokus, klarere Entscheidungen, mehr Präsenz im echten Leben und mehr Ruhe für die Entscheidungen, die als Kundin oder Unternehmer wirklich zählen.
Oder doch eine digitale Auszeit: Was ein Monat Offline bringt
Ein weiterer digitaler Raum, in dem man nur zu gerne seine Zeit verbringt (und leider auch verschwendet), ist Social Media. Allerdings kann Social Media einen leicht zu einer Sucht verführen. Deshalb lohnt sich folgendes Experiment: einen Monat ohne Social Media. Wer das einmal ausprobiert hat, merkt rasch, wie viel mentalen Raum diese Kanäle belegen. Die Arbeit läuft weiter, Kunden werden betreut, echte Gespräche finden statt. Aber die Energie fliesst in reale Begegnungen statt in den Bildschirm.
Wer keinen ganzen Monat will: Schon ein Wochenende ohne Social Media kann erstaunlich viel bewirken.
Eine Frage, die sich lohnt
Wer seine Erreichbarkeit bewusst gestaltet, statt sie anderen zu überlassen, gewinnt Entscheidungsfreiheit zurück: mehr Ruhe beim Lesen von Bedingungen, mehr Zeit zum Vergleichen, weniger impulsive Klicks im privaten wie im beruflichen Alltag.
Wer entscheidet eigentlich, wann man erreichbar ist? Die Kanäle und die Erwartungen anderer, oder man selbst? Erreichbarkeit ist kein Naturgesetz. Sie ist eine Gewohnheit. Und Gewohnheiten lassen sich ändern.
Autorin: Carlina Anderes, Unternehmensberaterin und -coach, anderes denken GmbH, Winterthur



