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Tag der Arbeit 2026: Die Zukunft der Arbeit

Arbeiten wir, um zu leben, oder leben wir um zu arbeiten? Diese alte Frage bekommt durch künstliche Intelligenz neue Aktualität. Der Schweizerische Konsumentenbund hat bei der Unia und beim Schweizerischen Arbeitgeberverband nachgefragt, wie sie die Zukunft der Arbeit einschätzen und was sich in der Arbeitswelt verändern könnte.
Heinrich Bölls Fischer und die Frage nach dem Genug
Es gibt da diese Anekdote von Heinrich Böll. Sie erzählt die Geschichte eines Fischers und eines Touristen. Der Tourist weckt den in seinem Bötchen dösenden Fischer, weil er ihn fotografiert. Zwischen den beiden entsteht ein Gespräch, da der Tourist Mitleid mit dem ärmlich wirkenden Mann hat. Es wird klar, dass der Fischer nicht mehr ausfahren will, um noch mehr zu fischen. Er ist zufrieden mit seiner Ausbeute. Der Tourist will dem Angler zu mehr Vermögen verhelfen. Er rät ihm noch mehr zu arbeiten, mit dem daraus entstehenden Vermögen noch ein Boot zu kaufen und dann Schritt für Schritt ein ganzes Imperium aufzubauen. Und dann, wenn er das alles erreicht hätte, dann hätte der Fischer Zeit, nachmittags in seinem Boot zu dösen. Die Antwort des Anglers ist simpel: «Aber das tue ich ja jetzt schon».
Leistungsdruck bleibt, auch wenn er anders aussieht
Die Anekdote kennen wahrscheinlich viele. Man kennt sie, da die Moral so auf den Punkt gebracht wurde. Was viele allerdings nicht wissen, ist wann dieser Text entstanden ist. Er wurde für eine Sendung des Norddeutschen Rundfunks 1963 am Tag der Arbeit verfasst. Heute zählt die Lehre noch immer. Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Fast alles wird nach Kriterien des Erfolgs gemessen. Es wird immer wieder behauptet, dass die jungen Generationen dieses Denken abgelegt hätten. Für sie sei die Work-Life-Balance so wahnsinnig wichtig. Aber warum ist es dann ein Trend, jede Freizeitaktivität in ein «To-do» umzudefinieren? Treffen mit Freundinnen und Freunden, Sport und Ernährung werden zur Aufgabe. Sogar Me-Time wird zu einem Punkt auf der To-do-Liste. Es ist sicher so, dass der Fokus mehr auf Ausgleich liegt, aber in einer Gesellschaft, in der es darum geht, welchen Abschluss man hat, welchen Job und welche Position man innehat und nicht zuletzt wie viel man verdient, wird dieser «Ausgleich» zu etwas, das man rechtfertigen muss. Ruhen kann man erst, wenn man es geschafft hat. Was dieses «es» ist? Ich glaube das wissen nur die allerwenigsten.
Wenn KI Zeit spart: Wem gehört diese Zeit?
Die Erkenntnis von Heinrich Böll? Die meisten arbeiten, um später weniger zu arbeiten; nur tritt dieses Später bei vielen gar nie ein. Die Frage, die sich dabei auftut: Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Bei der stetigen Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) muss man auch die der Arbeit mitdenken. Wenn KI unsere Produktivität steigert, wird die Frage nur noch dringlicher. Wer profitiert von der eingesparten Zeit? Der Arbeitende oder der Arbeitgebende oder beide?
Unia und SAV: Einig beim Wandel, uneinig bei der Antwort
Um das zu erfahren, habe ich Einschätzungen von zwei Organisationen eingeholt: einerseits jene der Unia, einer Gewerkschaft, die die Interessen von Arbeitnehmenden vertritt. Andererseits jene des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV), der die Interessen der Arbeitgeberseite vertritt. Ihre Antworten überschneiden sich in dem Punkt, dass KI eine Veränderung des Arbeitsmarktes mit sich bringt. Um dieser Veränderung begegnen zu können, fordern beide Organisationen Weiterbildungen der Arbeitenden. Die Unia spricht dabei von «Weiterbildungsrechten», während der SAV von «starker Aus- und Weiterbildung» spricht. Beide sehen, dass der Arbeitsstress real und eine Work-Life-Balance wichtig ist.
Mehr Lohn, weniger Arbeitszeit oder bessere Rahmenbedingungen?
Bei der Frage, wie dem technologischen Wandel begegnet werden soll, gehen die Meinungen jedoch deutlich auseinander. Die Unia geht von einer Produktivitätszunahme aus. Wenn das geschehe, könnte man die Arbeitszeiten verkürzen. In den letzten Jahren würden wir immer produktiver werden, aber weder unsere Freizeit nimmt zu, noch der Lohn würde sich daran anpassen. «Die Reallöhne stagnieren und bleiben seit Jahrzehnten hinter dem Wachstum der Produktivität zurück.» Sie fordert «…mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten.» Da kommt einem wieder die Anekdote von Heinrich Böll in den Sinn.
Dem SAV ist die Work-Life-Balance zwar wichtig, er ist aber gegen eine Arbeitszeitverkürzung. Das Problem des Arbeitsstresses liege woanders begründet: Er entstehe nicht nur im Betrieb, sondern auch im Zusammenspiel von Arbeit, Privatleben und digitalem Dauerstress. Der SAV fordert deshalb bessere Rahmenbedingungen und nicht die pauschale Senkung des Arbeitspensums. Man könne den digitalen Wandel nur dann bewältigen, wenn man Innovation nicht durch Regulierungen ausbremsen würde. Man müsse innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen.
Zwischen Zukunftsszenario und Schweizer Realität
Im Jahr 2016 ist eine Studie der Bertelsmann Stiftung erschienen, die sich mit der Zukunft der Arbeit und der möglichen Entwicklung globaler Arbeitslosigkeit beschäftigte. Der hier verwendete Titel «Zukunft der Arbeit» lehnt sich an den Titel dieser Studie an. Darin wurde diskutiert, wie sich Arbeit in Bezug auf KI, Robotik und weiteren technologischen Entwicklungen verändern könnte. Die Studie skizziert verschiedene Entwicklungen, die bis 2050 eintreten könnten. Cornelia Daheim und Ole Wintermann verweisen dabei auf Expertenschätzungen, wonach die globale Arbeitslosigkeit bis 2050 auf 24 Prozent oder mehr ansteigen könnte, falls Bildungssysteme, Sozialstaat und Arbeitsmodelle nicht grundlegend an die neuen technologischen Realitäten angepasst werden. Heute, zehn Jahre später, hat sich dieses Ausmass noch nicht bestätigt. Trotzdem gilt es, dieses Szenario nicht unter den Tisch zu kehren.
KI: Risiko für Arbeitsplätze oder Chance für neue Aufgaben?
In der Schweiz ist die Arbeitslosenquote im Vergleich zu anderen Ländern eher tief. Trotzdem sieht die Unia eine Gefährdung der Arbeitsplätze durch KI. Auch Lohndruck, algorithmische Diskriminierung durch KI und die zunehmende Verdichtung der Arbeit nennen sie als zukünftiges Risiko. Der SAV betont hingegen, dass KI kein «arbeitsmarktpolitisches Schreckgespenst» sei. «Entscheidend sind Qualifikation, Flexibilität und Augenmass bei der Regulierung – nicht Abschottung oder Technologieangst. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, Arbeitsprozesse und Stellenprofile agil anzupassen.»
Während sowohl die Unia als auch der SAV den technologischen Wandel anerkennen, gehen ihre Positionen teilweise deutlich auseinander. Die Unia wünscht sich mehr Lohn und verkürzte Arbeitszeiten. Der SAV scheint dagegen die Chance in mehr Produktivität zu sehen. Mit KI könne man sich den anspruchsvollen Aufgaben zuwenden. Ausserdem würde KI nicht ganze Berufe ersetzen, sondern lediglich einzelne Tätigkeiten.
Die offene Frage: Mehr Produktivität oder mehr Leben?
Eine letzte Frage tut sich an dieser Stelle auf: Wie können sich Arbeitnehmende und Arbeitsgebende in Zukunft einigen? Mehr Produktivität oder mehr Freizeit? Und was bedeutet mehr Freizeit heutzutage überhaupt noch, wenn man, wie es der SAV betont hat, unter «digitalem Dauerstress» leidet? Heinrich Böll wollte uns 1963 die Absurdität des Arbeitswahns vorführen. Über 60 Jahre später hat sich dieser nicht unbedingt verändert. Das Bedürfnis nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance ist zwar grösser geworden, aber arbeiten tun wir deshalb nicht weniger. Durch die stetige Verbesserung von KI sind wir jetzt aber gezwungen umzudenken. Nur wohin? Das ist hier die Frage.
Einen schönen Tag der Arbeit wünscht euch der Schweizerische Konsumentenbund!
Die Fragen des SKB wurden beantwortet von Katja Signer Hofer (Unia, Mediensprecherin) und Julia Heuberger (SAV, Ressort Kommunikation, Projektleiterin).



